VideoLab

Das grundlegende Ziel des VideoLabs besteht darin, linguistische Forschung an der Schnittstelle von Raum und Sprache in menschlicher face-to-face Interaktion voranzubringen. Aus diesem Grund ist das VideoLab darum bemüht, innovative Techniken und Methoden für Videoanalysen zu entwickeln, die dazu dienen, die Konstruktion von Raum in Interaktion zu untersuchen. Diese Methoden ermöglichen neue Einblicke in die multimodale Konstitution von Interaktionsräumen und sollen zu einer theoretischen Modellierung der Schnittstellen zwischen Interaktion und Raum führen.

Zwei Hauptaspekte charakterisieren das Zusammenspiel von Raum und Interaktion und beide werden vom VideoLab untersucht: 1. Wie kreieren Interaktionsteilnehmer räumliche Voraussetzungen für ihre Interaktionen? 2. Wie aktivieren sie Elemente in ihrer räumlichen Umgebung, um ihre interaktionalen Ziele zu erreichen und wie arrangieren sie dabei ihre Interaktionen in ihrer räumlich-situativen Umgebung?

Der Einsatz von Videodaten ermöglicht neue Erkenntnisse über die Rolle von Raum in Interaktion. Videoaufnahmen erlauben es, zu untersuchen, wie Sprache und physische Aktivitäten im Raum miteinander verbunden sind.

Anders als andere Methoden, wie etwa Fragebogenstudien, erlauben es Videoaufnahmen das Verhalten der Teilnehmenden während ihrer alltäglichen Interaktionen zu untersuchen. Zudem machen es Videoaufnahmen – anders als beispielsweise Feldnotizen – möglich, die Interaktion wiederholte Male genau zu betrachten. Dabei lassen sich sogar die kleinsten Details der zeitlichen und räumlichen Organisation des Geschehens beobachten.

Die Arbeit mit Videoaufnahmen bringt jedoch auch neue Herausforderungen für die linguistische Analyse von Gesprächen mit sich, die das VideoLab angehen wird. Diese Herausforderungen liegen in der Theoriebildung, der Entwicklung von Methoden für die Datensammlung und -analyse, sowie im Finden von angemessenen Präsentationstechniken für audiovisuelle Daten und deren Analyse.

Theorie

In der Theoriebildung beabsichtigt das VideoLab sowohl Kategorien zu entwickeln, um die räumlichen Konfigurationen, die durch die Körper der Interaktionspartner gebildet werden, zu beschreiben (siehe Adam Kendons F-Formationen, Reinhold Schmitts Interaktionsensembles etc.), als auch Begriffe, die es ermöglichen, Eigenschaften von gebauten Räumen, die wichtig für die Interaktion sind, zu beschreiben. Schliesslich soll eine Theorie entwickelt und getestet werden, die einen analytischen Zugang zu dem Zusammenspiel von Interaktion und gebautem Raum erlaubt (beispielsweise basierend auf Goodwins Konzept der grafischen Felder).

Datenerhebung

Auch wenn der Einbezug von Videoaufnahmen ein Quantensprung in der Analyse von Interaktion darstellt, bleibt vieles von dem, was für die Interaktionsteilnehmer wichtig und wahrnehmbar ist, dem Auge der Analysierenden verborgen. Diesbezüglich besteht das Ziel darin, moderne technische Mittel einzusetzen, die eine genaue Bestimmung des visuellen Feldes sowie des Fokus jeder in der Interaktion involvierten Person erlauben und dadurch das Bestreben der Konversationsanalyse, die Perspektive der Teilnehmer einzunehmen, abdecken.

Eye-Tracking-Brillen im Einsatz auf dem SechseläutenplatzEye-Tracking-Brillen im Einsatz auf dem Sechseläutenplatz

Konkret handelt es sich bei den genutzten technischen Geräten um mobile Eye-Tracker, die ähnlich wie Brillen aussehen. Diese werden durch Mini-Kameras unterstützt, die an den Köpfen der Studienteilnehmer festgemacht werden und dadurch die Dokumentation des visuellen Verhaltens von grösseren Gruppen (z.B. während Stadtführungen) erlauben. Trotz der Arbeit mit innovativen Technologien bei der Datenerhebung strebt das VideoLab ein möglichst hohes Level an Authentizität der Daten an. Deshalb beabsichtigt das VideoLab nicht, kontrollierte und damit künstliche, experimentelle Umgebungen zu schaffen, die wenig Ähnlichkeit mit dem alltäglichen Leben haben. Vielmehr soll die benutzte Technologie auf einen reduzierten, niederschwelligen Gebrauch direkt “out in the wild” ausgerichtet sein. Daher bietet sich der Einsatz von mobilen Eye-Trackern und der Vorrang von unauffälliger Technologie vor der Maximierung der Datenqualität an. Ein solcher Gebrauch wird beispielsweise im Projekt Interactive discoveries praktiziert, in dessen Rahmen Video- und Eye-Trackingaufnahmen im Swiss Science Center Technorama in Winterthur erhoben werden.

Visualisierung von Daten

Die Entwicklung der Analysemethoden ist eng mit der Notwendigkeit verbunden, neue Formen der Visualisierung und Darstellung von Daten zu entwickeln: Wie können Transkripte, deren Fokus üblicherweise auf der Sprache liegt, an die komplexen Ansprüche der multimodalen Analyse angepasst werden? Dies beinhaltet auch die Infragestellung der traditionellen Darstellungsform von Transkripten und deren Ersetzung durch andere Formen der Dokumentation und Darstellung von Daten, wie beispielsweise in Form von 3-D-Modellen von Interaktionsräumen, die auf den erhobenen Videodaten basieren, oder computerbasierte Darstellungsformen, die Videodaten in Bezug auf Raum statt Zeit darstellen.