David Paul Gerards

David Paul Gerards, MA

Doctoral student

Tel.: +41 (0) 44 634 57 94

Anschrift: Freiestrasse 16, 8032 Zürich

Raumbezeichnung: FRF E 4

davidpaul.gerards@uzh.ch

David Gerards ist seit dem 1. Februar 2015 Doktorand am UFSP Sprache und Raum.

Dissertationsprojekt

Partitive in der Iberoromania: Diachronie und Sprachkontakt

Ziel des Dissertationsprojektes ist die genaue Nachzeichnung der Grammatikalisierung und Degrammatikalisierung von Partitivartikeln und Partitivpronomina/Pronominaladverbien im (Alt)Spanischen, (Alt)Katalanischen, (Alt)Galicischen/Portugiesischen. All diese Sprachen befanden sich mit den galloromanischen Varietäten des südlichen Frankreichs (insbesondere dem Okzitanischen) auch über verschiedene Diskurstraditionen in beständigem Kontakt, sind aber in ihren heutigen Varietäten in der Ausprägung eines spezifischen ‚mass’ Anzeigers (wie frz./ital. du/del) bzw. Partitivitätsmarkers (wie frz./ital. en/ne) unterschiedlich weit gegangen.

Das moderne Spanische, Portugiesische und Galicische besitzen weder Partitivartikel noch partitivische Pronominaladverbien, das moderne Katalanische ein Pronominaladverb en und – in eng umgrenzten Kontexten – ein unflektiertes de mit mass DPs.

Das Altspanische und das Altportugiesische dagegen zeigen in manchen Quellen bis etwa zum 17. Jahrhundert einen mit dem modernen Französischen durchaus vergleichbaren Partitivartikel, den sie im Laufe der Herausbildung moderner Varietäten aber wieder verlieren. Im Altkatalanischen ist die Frage nach der diachronen Entwicklung von partitivischen Konstruktionen weitgehend unerforscht.

In der romanistischen und typologischen Fachliteratur zur Ausprägung eines Partitivartikels als obligatorischem mass-Anzeiger in Argumentposition ausserhalb des Negationsfokus u.ä. werden im Wesentlichen zwei Erklärungsansätze diskutiert. Beide argumentieren mit innersprachlichen Korrelationen: Einerseits sieht Körner (1987) den Partitivartikel als Mittel an, um bei Verbargumenten ‚Nicht-Subjektfähigkeit’ zu signalisieren. Dieses Mittel ist ihm zufolge komplementär zur DOM (differenzielle Objektmarkierung) verteilt, welche wiederum ‚mögliche Subjekthaftigkeit’ bei direkten Objektargumenten markiert. Alternativ dazu wird der Partitivartikel als ‚Nicht-Zählbarkeitsanzeiger’ oder Klassifizierer (Herslund 2008) angesehen, der in romanischen Varietäten notwendig wird, wenn diese aufgrund flexivischer Pluralmorphologie am Nomen nicht in der Lage sind, Zählbarkeit oder Nicht-Zählbarkeit eindeutig zu markieren (cf. Delfitto/Schroten 1991, Chierchia 1997 und 1998, Stark 2008a und b). Dies ist z.B. im Altspanischen nicht der Fall, das aber dennoch eine Zeitlang einen Partitivartikel aufweist und deshalb, aber auch wegen der schon in früheren Sprachstufen gut etablierten DOM (cf. von Heusinger/Kaiser 2005, Laca 2006), eine Herausforderung für die internen Erklärungsansätze darstellt. Zu diesen internen Erklärungsversuchen gesellt sich ein externer, nämlich die Idee des ‚morphosyntactic borrowing’, d.h. der Übernahme einer Konstruktion aus einer im räumlichen oder diskurstraditionellen Sinne benachbarten Varietät, die nicht autochthon entstanden ist/wäre.

Aufgrund der engen räumlichen Verteilung der zu untersuchenden iberoromanischen Sprachen eignen sich diese hervorragend dazu, die Tragbarkeit dieser drei Hypothesen, die sich nicht gegenseitig ausschliessen, empirisch zu überprüfen. Schwierig ist allerdings der dezidiert historische Anspruch des Dissertationsprojekts: Es soll nämlich ein so weit als möglich diskurstraditionell und quantitativ homogenes Textkorpus erstellt werden, das genügend Beispiele von del/en und ihren jeweiligen Äquivalenten enthält, um

a) deren Distribution und Semantik (soweit in Texten überhaupt möglich) anhand vorher genau zu fixierender Untersuchungsparameter (syntaktische Funktion, Definitheit/Indefinitheit/Spezifizität,/Generizität, Skopuseigenschaften u.ä.) zu beschreiben und

b) mit dem Auftreten weiterer Phänomene (DOM, Pluralmarkierung) zu korrelieren und so einerseits die Geschichte der Partitivartikel/-pronomina in der Iberoromania aufzuzeigen, andererseits aber auch Erklärungen für den Zustand der damaligen und heutigen Varietäten zu finden.

Die Dissertation ist auf drei Jahre angelegt, mit folgendem groben Zeitplan:

1. Jahr: Sichtung der Datenlage, methodologische Reflexion, Korpuserstellung – gleichzeitig Lektüre der Forschungsliteratur zur Distribution und Semantik heutiger Partitivartikel/-pronomina, anhand dessen Aufstellung geeigneter Hypothesen, Identifikation der Untersuchungskategorien (z.B. Spezifizitätskontexte nach Haspelmath 1997, Kompatibilität mit Generizität – wahrscheinlich sehr gering – Verteilung im Satz usw., cf. Stark 2006).

2. Jahr: Empirische Detailarbeit an den Korpustexten, Auswertung, statistische Erfassung und quantitative Analyse (soweit möglich)

3. Erklärungsansätze, Korrelationen, Frage des Sprachkontakts (z.B. auch durch Diskurstraditionen und in Übersetzungsszenarien).

Das Dissertationsprojekt ist also einem sprachlichen Phänomen gewidmet, das in der Gruppe „Sprachräume“ des UFSP „Sprache und Raum“ intensiv diskutiert wird, nämlich der Morphosyntax und Semantik des Partitivartikels und der partitiven Pronominaladverbien, und zwar in diachroner Hinsicht. Es versucht durch die empirische Überprüfung vorliegender Hypothesen die Rolle des Sprachkontakts beim Entstehen sowie evtl. beim Verlust grammatischer Konstruktionen zu eruieren.

 

Betreuung: Johannes Kabatek, Elisabeth Stark

Finanzierung: UFSP Sprache und Raum

 

Bibliographie:

Chierchia, Gennaro (1997): “Partitives, reference to kinds and semantic variation”, in: Matthews, Tanya / Strolovitch, Devon (edd.): Proceedings of SALT 9, 55-72.

Chierchia, Gennaro (1998): “Reference to kinds across languages”, Natural Language Semantics 6 (4), 339-405.

Delfitto, Denis / Schroten, Jan (1991): “Bare plurals and the number affix in DP”, Probus 3 (2), 155-185.

Eberenz, Rolf (2008): “Ninguno quiere del agua turbia beber: sobre construcciones partitivas y su representación en algunos géneros textuales del español preclásico”, in: Kabatek, Johannes (ed.): Sintaxis histórica del español y cambio lingüístico. Nuevas perspectivas desde las Tradiciones Discursivas. Madrid/Frankfurt a. M.: Iberoamericana/Vervuert, 151-172.

Haspelmath, Martin (1997): Indefinite Pronouns. Oxford: Clarendon Press.

Herslund, Michael (2008): Articles, definite and indefinite, in: Høeg Müller, Henrik / Klinge, Alex (edd.): Essays on Nominal Determination: From morphology to discourse management (= Studies in Language Companion Series 99). Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 27-43.

Heusinger, Klaus von / Kaiser, Georg A. (2005): “The evolution of differential object marking in Spanish”, in: Heusinger, Klaus von / Kaiser, Georg A. / Stark, Elisabeth (edd.): Proceedings of the workshop ‘Specificity and the evolution/emergence of nominal determination systems in Romance’. Arbeitspapier 119. Fachbereich Sprachwissenschaft. Konstanz: Universität Konstanz, 33–69.

Körner, Karl-Hermann (1987): “‘Teilungsartikel’ im Französischen und ‘präpositionaler Akkusativ’ im Spanischen. Komplementäre Lösungen des gleichen syntaktischen Problems”, in: Körner, Karl-Hermann (ed.): Korrelative Sprachtypologie. Die zwei Typen romanischer Syntax. Stuttgart: Franz-Steiner-Verlag, 7–21.

Laca, Brenda (2006): “El objeto directo. La marcación preposicional”, in: Company, Concepción (ed.): Sintaxis histórica de la lengua española. Primera parte: La frase verbal. México D.F.: Universidad Nacional de México, 423–475.

Silva Dias, Augusto Epiphanio da (41959 [1918]): Syntaxe Historica Portuguesa. Lisboa: Livraria Clássica Editora.

Stark, Elisabeth (2006): Indefinitheit und Textkohärenz. Entstehung und semantische Strukturierung indefiniter Nominaldetermination im Altitalienischen (= Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie 336). Tübingen: Niemeyer.

Stark, Elisabeth (2008a): “Typological correlations in nominal determination in Romance”, in: Høeg Müller, Henrik / Klinge, Alex (edd.): Essays on Nominal Determination. From morphology to discourse management (= Studies in Language Companion Series 99). Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 45-61.

Stark, Elisabeth (2008b): “The role of the plural system in Romance”, in: Detges, Ulrich / Waltereit, Richard (eds.): The Paradox of Grammatical Change. Perspectives from Romance (= Current Issues in Linguistic Theory 293), Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 57-84.